Dorstfeld an Ostern 1945: Eine Rückschau – von Nils Kowalewski; Teil 1

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Innenansicht der St. Barbara-Kirche an Palmsonntag 1945. (Fotos: Pfarrarchiv St. Barbara)

Nachdem das Dritte Reich weiten Teilen der Welt in einem Krieg von bisher nicht gekanntem Ausmaß Tod, Unglück und Verderben gebracht hatte, wurde dieser Krieg für die Dorstfelder erstmals 1940 auch in der Heimat spürbar: Im Mai fiel die erste Bombe auf Dorstfeld, die aber nur Flurschaden anrichtete. In den folgenden Monaten allerdings häuften sich die Fliegeralarme und -angriffe.

Mit dem Beginn der Battle of the Ruhr verschärfte sich die Lage in Dorstfeld. Der erste Großangriff auf Dortmund in der Nacht vom 4. auf den 5. Mai 1943 hinterließ auch in Dorstfeld Spuren. Pfarrer i. R. Hermann-Josef Klöpper erinnert sich: „Vom 4. auf den 5. Mai 1943 erlebte ich dann den ersten Bombengroßangriff auf Dortmund. Es gab Alarm, kurz darauf gleich Vollalarm. Alle Bewohner des Hauses [Teutoburger Str. 25] eilten in den Keller, und es folgte ein furchtbares Bombardement. Ich habe mich fest an die Mutter geklammert. Beten und Schreien und Zittern, das war alles eins! Wie lange das Ganze gedauert hat, weiß ich nicht mehr. Gott sei Dank, hielt unser Haus stand, wenn auch mit etlichen Schäden. Nach dem Angriff gingen beherzte Männer nach oben, wo im 3. Stock eine Brandbombe eingeschlagen war, die sie löschen konnten. Eine Luftmine war am Ende der Teutoburger Straße jenseits der Spicherner Straße auf das freie Feld geschlagen. Wäre die auf dem Asphalt detoniert, hätte kein Haus mehr in unserer Straße gestanden. Es war fürchterlich!“

Die Anzahl der Luftangriffe intensivierte sich weiter. Weitaus häufiger als die Fliegerangriffe waren die durch aufheulende Sirenen gegebenen Alarme, die die Bevölkerung tags und nachts für mehrere Stunden zwangen, ihre Wohnungen und Arbeitsstätten zu verlassen und Luftschutzräume aufzusuchen. Zwischen dem 12. Dezember 1943 und dem 10. Februar 1944 waren es 104 Vollalarme, davon 16 in der Nacht.
Mit den immer näher rückenden Kampfhandlungen zwischen Wehrmacht- und (Waffen-)SS-Verbänden auf der einen Seite sowie den Befreiern Nazideutschlands auf der anderen Seite kam nun der Krieg in einer anderen schrecklichen Dimension nach Dorstfeld.

Am 8. März gingen in Dorstfeld deutsche Truppenverbände in Stellung und besiegelten damit für die kommenden gut sechs Wochen unsagbares Leid der Dorstfelder Zivilbevölkerung. Ein zeitgenössischer Bericht einer in Dorstfeld tätigen Nonne: „Am Morgen treffen verschiedene Kampfeinheiten in Dorstfeld ein, die Wohnräume im Schwesternhaus und in der Vikarie werden beschlagnahmt, auch bei den umliegenden Bauern werden Einquartierungen vorgenommen. Auf Wulffs Hof bezieht die SS Quartier, bei Schulte-Coerne die Artillerie, bei Lücker werden Panzergrenadiere kaserniert, bei Krumme wird ein Verbandsplatz eingerichtet. Im Turm der ev. Kirche sitzt ein Spähtrupp, im Turm unserer Pfarrkirche [St. Barbara] wird ein Maschinengewehr in Stellung gebracht. Ab 17:00 Uhr anhaltender Artilleriebeschuss von Marten Richtung Pfarrkirche. Im Mailoh bei Huckarde soll eine Panzerbatterie in Stellung gegangen sein.“

Die alliierten Streitkräfte nahmen Dorstfeld ab dem 8. März 1945 unter Panzer- und Artilleriebeschuss. Dazu erfolgten nach wie vor Luftangriffe. In den Folgetagen erfolgten mehrere Versuche, Dorstfeld einzunehmen, die jedoch scheiterten. Am Passionssonntag, das ist der dem Palmsonntag vorhergehende Sonntag, verkündete Pfarrer Josef Gies von der Kanzel der Barbara-Kirche: „Der Feindangriff am vergangenen Montag, dem 12. des Monats, hat unsere Pfarrgemeinde arg heimgesucht. Durch eine in der Nähe niedergegangene Luftmine wurden Pfarrkirche, Antonius-Haus, Pfarrhaus und Vikarie sehr stark beschädigt; das Gemeindehaus (Bürgerhaus) wurde total vernichtet. Leider wurden im Keller des Hauses Karl-Funkestr. 10 fünf Mitglieder unserer Gemeinde durch Volltreffer getötet“. Noch am selben Tag erfolgte abends um 22.15 h ein weiterer Luftangriff. Am Morgen des 19. März „gegen 04:30 Uhr erhielt das Gewölbe über dem Hochaltar in der St. Barbara-Kirche einen Artillerietreffer, der das Gewölbe durchschlug und ein großes Loch hinterließ.“

Die Wehrmacht begann an diesem Tag, Teile des Kriegsgefangenenlagers „Lager Loh“ zu evakuieren. Die teilweisen Schwerkranken im Krankenrevier wurden sich selbst überlassen.
In den kommenden Tagen wiederholte sich das Bild von Angriffsversuchen der amerikanischen Bodentruppen in Abwechslung mit Luftangriffen sowie Panzer- und Artilleriebeschuss. In Dorstfeld wurden am 30. März 1945 – Karfreitag – Verbände von Reichsarbeitsdienst und Volkssturm zusammengezogen, um nicht nur die Angriffe abwehren zu können, sondern vielmehr einen Gegenangriff zu führen.

In der Nacht vom 5. auf den 6. April 1945 durchlebten die Bewohner der westlichen Dortmunder Vororte fast durchgängig Fliegeralarm und Bombenabwürfe. Von Dorstfeld aus bewegten sich einige Verbände von Reichsarbeitsdienst und Volkssturm über Wischlingen in Richtung Rahm. Längs der Gleise zwischen Huckarde und Rahm gingen sie in Stellung und warteten dort auf amerikanische Truppenverbände, die sich in Castrop sammelten und dort den Vorstoß auf Dortmund vorbereiteten.

Am 7. April 1945 griffen bereits in der Nacht und den ganzen Tag über Jagdbomber das Hafengelände an, Artillerie beschoss die angrenzenden Gebiete. Köster und Bömke sowie die Nitag wurden in Brand geschossen. Währenddessen marschierten die Amerikaner, von Westerfilde und Nette kommend, in Huckarde ein. Sie erfuhren nur geringen Widerstand und besetzten schon nach kurzer Zeit die Zeche Hansa. Der Dorstfelder Albert Grüne erinnerte sich an folgendes Bild: „Ich war mit meiner Mutter bei meinem Großvater Friedrich Stock. Wir saßen im Keller des Hauses Arminiusstr. 5 und warteten Tieffliegerbeschuss ab. Auf einmal war Stille. Mein Großvater ging nach oben und kam nicht zurück. Ich stahl mich aus dem Keller raus und sah meinen Großvater im Hauseingang stehen, er beobachtete den Himmel. Ich stellte mich neben ihn und versuchte zu sehen, was er betrachtete. Am Himmel sah man einen amerikanischen Flieger, der von einem deutschen Flieger verfolgt und beschossen wurde! Der Amerikaner wurde nach einiger Zeit getroffen und drehte ab.“

Gegen Nachmittag nahmen die Luftangriffe ab. Einige wenige Wehrmachtssoldaten und vor allem Dorstfelder und Huckarder Volkssturm und Hitlerjungen sammelten sich zu einem Angriff auf Huckarde. Mit Panzerfäusten und Maschinengewehren griffen sie an, brachen ihren Angriff aber nach einer Stunde wieder ab, da die Amerikaner nicht nur zahlenmäßig überlegen waren, sondern auch mit Panzern, Artillerie und Jagdbombern an kriegstechnischem Gerät besser ausgestattet waren. Gegen 19.30 h wurden Kirchlinde und Marten von den Amerikanern eingenommen. Mit Artillerie-, Panzer- und Granatwerferbeschuss bis in den späten Abend endete der 7. April für Dorstfeld.

Der Folgetag, der Sonntag Quasimodogeniti, begann, wie der vorhergehende Tag endete: mit Beschuss. In den Morgenstunden schlugen drei Phosphorgranaten in die Bergschänke, Wittener Str. 205, ein. Eine davon durchschlug die Hauswand der Hofseite im obersten Stock und dann die Zimmerdecke und landete in der Küche, in der Frau Torspecken gerade Kaffee kochte. Sie wurde zum Glück nur leicht verletzt. Der Brandsatz wurde sofort gelöscht. Unter Beschuss ziehen sich in der Nacht und am frühen Morgen deutsche Truppen aus Huckarde in Richtung Süden nach Dorstfeld zurück. Die amerikanischen Soldaten rücken in Huckarde ein und befreien es im Laufe des Vormittags vollständig. In Dorstfeld erfolgte bis zum Nachmittag Tiefflieger-, Artillerie- und Panzerbeschuss auf den Ortskern Dorstfelds, dem mindestens fünf Menschen zum Opfer fielen. Um 6.00 h, um 7.30 h und um 9.30 h versuchte Pfarrer Josef Gies für seine Gläubigen in der St. Barbara-Kirche die drei hl. Messen zu lesen, „aber derart starker Artillerie- und Panzerbeschuss verhinderte es.

Ab 16 Uhr Stille, keine Kampfhandlungen. Der Herr Pfarrer lässt zur hl. Messe einläuten. Fast 1800 Seelen kamen zum Gottesdienst. Die Kirche konnte diese Anzahl an Gläubigen nicht fassen.“

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