Corona und die Dortmunder Kreativszene

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Verantwortliche formulierten Sorgen, Wünsche und einige dringende Appelle. (Foto: IN-StadtMagazine)

Ein kreativer Umgang mit der Krise wird aktuell vielerorts versucht und beschworen. Mehr noch aber ging es am 28. April bei der Pressekonferenz um den Umgang der Krise mit den Kreativen. Und da der Dortmunder Ratssaal ausreichend Platz zur Einhaltung von Distanzauflagen bietet, wurde auch keineswegs zur Skype-Konferenz geladen, sondern Gäste wie Gastgeber waren leibhaftig anwesend: Ein bisschen wie „früher“ also.

Auf dem Programm standen im Rathaus sowohl eine Standortbestimmung der Dortmunder Kulturlandschaft nach der im März erfolgten Vollbremsung als auch ein Blick in die Zukunft inklusive einiger Wünsche bzw. Erwartungen in Richtung der Entscheidungsträger in Bund und Land.

Wobei Kulturdezernent Jörg Stüdemann gleich zu Anfang aus seiner Zufriedenheit keinen Hehl machte, dass die Kultur in der gegenwärtigen Krise von Beginn an mitgedacht worden sei und von politischer Seite positive Wertschätzung erfahren habe – dies sei früher alles andere als selbstverständlich gewesen. Nichtsdestotrotz seien die derzeitigen Erschütterungen so gravierend, dass man nicht von vergleichbaren Erfahrungen profitieren könne, sondern „in die Situation hinein arbeiten“ müsse.

An die politisch Verantwortlichen richtete Dortmunds Stadtdirektor drei konkrete Appelle: Erstens führe kein Weg an einer Verlängerung der Soforthilfe für Künstlerinnen und Künstler vorbei – hier wies Jörg Stüdemann auf die in Baden-Württemberg auf den Weg gebrachte Künstler-Grundsicherung hin –, zweitens müsse besonderes Augenmerk auf die Frage gelegt werden, wie die freie Szene „durch diese Phase gehievt werden“ kann. Und drittens sei es dringend geboten, örtliche Kultur-Fachleute in die kommende Renormalisierungsstrategie einzubinden. Der Zeitpunkt für die Installation von Exit-Strategien, daran ließ Jörg Stüdemann keinen Zweifel, scheine ihm unterdessen gekommen.

Für die Dortmunder Museen unterstrich Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor der Kulturbetriebe), der die aktuelle Sachlage mit einer „täglichen Operation am offenen Herzen“ verglich, man arbeite bereits Wiedereinstiegsszenarien aus. Die Befürchtung, die jeweiligen Einrichtungen könnten nach den zurückliegenden kulturellen Fastenwochen erst einmal überrannt und überfordert werden, teilte er nicht.

Der Geschäftsführende Direktor des Theaters Dortmund, Tobias Ehinger, zeigte sich beeindruckt von den Improvisationsfähigkeiten der an Dortmunds Bühnen Beschäftigten. Binnen drei Tagen habe man umdisponiert, um statt Kulissen Spuckschutz, statt Kostümen Behelfsmasken herzustellen. Wie die Kulturszene zum Glück ohnehin deutlich flexibler und kreativer mit der Situation umgehen könne als beispielsweise der durch klare Regeln definierte Sport. Gleichwohl mahnte der gebürtige Tübinger, es sei nun „dringend geboten, einen realistischen und zügigen Zeitplan zur Wiederaufnahme des Vorstellungsbetriebes zu erarbeiten und seitens der politischen Entscheidungsträger in einen fruchtvollen Dialog mit den Kulturschaffenden zu treten“, müsse doch sichergestellt werden, dass man in der gegenwärtigen Krise „weder Gesundheit noch Freiheit“ opfere. „Mit Kunst werden wir das Virus nicht eindämmen. Aber mit Kunst werden wir die seelischen Verletzungen und Nöte der Menschen lindern können“, fasste Ehinger seine Sicht auf die Dinge zusammen.

Auch Konzerthaus-Intendant Dr. Raphael von Hoensbroech ergriff für flexible Wege aus der Krise das Wort, und wandte sich in diesem Zusammenhang gegen pauschale Personen-Obergrenzen bei Events. Wie er betonte, beschäftige man sich „mit allen möglichen Szenarien, um bei Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Konzerthaus größtmögliche Sicherheit für Publikum, Künstler und Mitarbeiter zu gewährleisten“. Mit den in dieser Frage aus der Bundespolitik gesendeten Signalen aber haderte der 43-Jährige in diesem Zusammenhang: „Was derzeit aus Berlin kommt, ist nicht hilfreich!“

Insgesamt bestimmte Ende April im Rathaus das Schreckensszenario eines länger andauernden kompletten Stillstandes der Kulturbetriebe mitsamt seiner ökonomischen wie auch künstlerischen Folgen die Äußerungen maßgeblich. Jörg Stüdemann bündelte die Sichtweise der Verantwortlichen in dem Satz, auch der hiesige Umgang mit der Krise sei „eine Form der Kultur“. An Tobias Ehingers Worte anknüpfend äußerte er die Hoffnung, man werde aus dem eigenen demokratischen Verständnis heraus etwaigen „sehr autoritativen Bewältigungsstrategien“ entgegentreten.

Folgende Terminänderungen bzw. Ausfälle zieht die Corona-Krise u. a. nach sich:

  • Die für den 7. Juni geplante große Eröffnung des Naturmuseums wird voraussichtlich im September nachgeholt.
  • Das Dortmunder U kann die ab 14. August geplante Ausstellung „Studio 54“ in diesem Jahr nicht mehr zeigen, da die Laufzeit am derzeitigen Ausstellungsort in Brooklyn verlängert wurde.
  • Das Festival „Sommer am U“ sowie das Programm zum zehnten Geburtstag des U mit dem „Kleinen Freitag“ laufen (wieder) ab Mitte Juli – möglicherweise unter angepassten Bedingungen oder in digitaler Form.
  • Die geplante Geburtstagsparty des Dortmunder U am 7. Juni entfällt ebenso wie das diesjährige Micro!Festival und das Schul- und Jugendtheaterfestival Wechselspiel.
  • Im Programm des Keuning-Hauses fallen ersatzlos aus: die Flash-Dance-Week im April mit mehr als 150 jungen Tänzerinnen und Tänzern aus ganz Deutschland, das gemeinsame Fastenbrechen am 29. April sowie das Internationale Tanzfestival „TanzFolk“ am 16. Mai. (Der geplante „Talk im DKH“ mit Michel Friedman zum NSU-Jahrestag wird Anfang Juni online stattfinden.)

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