Fahrbericht Kia Stinger – Als Kia-Chefdesigner Peter Schreyer 2011 auf der IAA die Studie Kia GT vorstellte, erregte diese kühne Vision einer modernen Sportlimousine in klassischer Gran-Turismo-Tradition großes Aufsehen. Und die Marke mit der „Power to Surprise“ ließ eine zweite Überraschung folgen. Entgegen der Erwartung vieler Beobachter blieb es nicht bei der Studie, sondern in jahrelanger, akribischer Entwicklungsarbeit entstand in Anlehnung an den GT ein Serienmodell: der Kia Stinger, der Anfang November in Deutschland in den Handel kam.

Auto Aktuell fuhr das Topmodell 3.3 T-GDI mit dem 3,3-Liter-V6-Turbobenziner (272 kW / 370 PS).

Das soll wirklich ein Kia sein? Etwas verunsichert stehen wir vor einem Auto, das es vom koreanischen Hersteller bisher noch nicht gegeben hat: eine reinrassige, moderne Sportlimousine. Intuitiv streicheln wir über die schlanken Flanken, kraftvollen Hüften und energischen breiten Schultern des Sportboliden. Emotional ergriffen wenden wir uns dann doch zunächst den nackten Daten zu. Halleluja! So schnell lassen wir uns doch nicht verführen!

Stattliche 4,83 Meter lang, 1,87 Meter breit und 1,40 Meter flach: Beim Stinger handelt es sich um einen geräumigen Leistungssportler. In seiner Haltung und seiner ausgewogenen Optik zeigt der Stinger eher athletische Eleganz als brachiale Aggressivität. Dennoch strahlt er ein durch und durch sportliches Selbstvertrauen aus. Aus manchen Perspektiven erinnert uns die durch Gran-Turismo-Klassiker inspirierte Sportlimousine verführerisch an Maserati – schon steigt das Liebesbarometer wieder rasant an.

Edles Interieur mit klarem Design
Das Interieur unseres Testwagens ist mit sportlich geformten Sitzen mit Bezügen aus weichem Nappaleder ausgestattet. Der Fahrersitz wird mit elektrisch einstellbaren Luftpolstern in der Rückenlehne und den Seitenpolstern zum angenehmen Arbeitsplatz. Wir blicken auf ein hohes, klar gegliedertes Armaturenbrett mit freistehendem 8-Zoll-Touchscreen des serienmäßigen Navigationssystems. Er ragt oben aus dem Armaturenbrett heraus und lässt sich dadurch besonders leicht ablesen. Lenkradheizung, Rückfahrkamera und ein informatives Head-up-Display sind ebenso an Bord wie elektrisch einstellbare Vordersitze mit Memory-Funktion, eine Zwei-Zonen-Klimaautomatik, digitaler Radioempfang sowie Apple CarPlayTM und Android AutoTM.

Durch den langen Radstand und die breite Karosserie genießen wir großzügige Beinfreiheit, selbst im Fond sitzt man noch sehr ordentlich und kann unter der schrägen Klappe bis zum Dach mehr als genug Gepäck einladen, so dass der Wagen durchaus langstreckentauglich ist. Von seiner praktischen Seite zeigt sich unser Testwagen, wenn wir uns ihm mit Gepäck in der Hand nähern. Zum einen kann der Smart-Key dank der sensorgesteuerten elektrischen Heckklappe in der Tasche bleiben. Zum anderen bietet der Gepäckraum mit einem Volumen von 406 Litern ausreichend Platz für zum Beispiel zwei große Koffer.

Vorsicht! Suchtpotential!
Der Stinger sieht nicht nur leidenschaftlich aus, sondern er fährt sich auch so. Dank Launch-Control mit fünf unterschiedlich abgestimmten Fahrmodi, Brembo-Bremse und einer elektrischen Lenkung, die den gewünschten Radwinkel ohne mit der Wimper zu zucken umsetzt und unmittelbar Feedback gibt, ist ultimativer Fahrspaß garantiert. Im Sport-Plus-Modus, dem schärfsten der fünf Fahrmodi, schießt unser Testwagen raketenartig nach vorne und frisst die Geraden und Kurven, als wäre es Zuckerwatte. Das Fahrwerk ist stets fordernd und weckt die Lebensgeister in uns, Allradantrieb kann bei Bedarf volle 100 Prozent der Antriebskraft auf die Hinterräder loslassen. „Im Stinger geht es nicht darum, als Erster am Ziel zu sein, sondern das Fahren zu genießen. Hier geht es um Leidenschaft“, so die Philosophie des Herstellers. Richtig – dennoch haben wir in unserem Testwagen die Momente genossen, im Rückspiegel ungläubig dreinschauende Gesichter in ihren Premium-Karossen zu erhaschen. Frei nach Roberto Blanco: „Ein bisschen Spaß muss sein…!“ Dass der 370 PS starke V6 die Limousine in 4,9 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen und bis zu 270 km/h schafft, haben wir nicht einmal ganz ausgereizt. Übrigens: In puncto Sicherheit fährt im stärksten Kia aller Zeiten fast alles an Assistenzsystemen mit, was in den Technologiezentren der Autohersteller in den Regalen liegt.

Und die Konkurrenz?
Produktmanager von Audi A5 Sportback und BMW 4er GT sollten aufhorchen. Mit dem Kia Stinger ist den aufstrebenden Koreanern ein Vorstoß in eine neue Welt gelungen, die in Deutschland vor allem von Audi, Mercedes und BMW beherrscht wird. Mit einem Einstiegspreis von 43.990 Euro für den 2,0-Liter-Turbobenziner (188 kW / 255 PS) und 54.900 Euro für den Top-Stinger liegen die Asiaten um rund 25.000 Euro niedriger als die Platzhirsche.

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