Wer die Geschichte nicht kennt, wird die Gegenwart niemals verstehen

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(v. l). Heike Stäwen, Els Woudstra, Peter Gehrmann und Bert Woudstra, „Botschafter der Erinnerung“ Lars Gutknecht, Schulsozialarbeiter Ursula Kraft (Emscherschule) sowie Peter Mathias (GadSA) mit einigen Schülern (Fotos: IN-StadtMagazine)

Das Jugend- und Freizeitzentrum (JFZ) Aplerbeck veranstaltet seit 2014 jedes Jahr im September mit Schülern der weiterführenden Schulen in Aplerbeck die „DoTour für Respekt“. Peter Gehrmann und Heike Stäwen vom JFZ erklären, warum das so wichtig ist:

„Unser Ziel ist es, Geschichte zu vermitteln, verbunden mit dem Wunsch der Nachhaltigkeit. Wir möchten, dass die Teilnehmenden dieses Projekt in ihren persönlichen Empfindungen, aber auch inhaltlich lange in Erinnerung behalten. Dies erreichen wir dadurch, dass wir in der Thematik ,nahe dran’ sind. Es geht um das, was in unmittelbarer Nähe geschehen ist, und um Aspekte, die die Teilnehmenden nachvollziehen können. Die ,DoTour für Respekt’ alleine reichte uns aber nicht aus, um den Schülern die Deutsche Geschichte von 1933–1945 näherzubringen.

Deshalb haben wir im Laufe der Zeit weitere Veranstaltungen im ,DoTour für Respekt’-Programm installiert. Nach der zweitägigen ,DoTour für Respekt Fahrradtour’ kam in diesem Jahr die Dokumentarfilm-Veranstaltung ,Das zweite Trauma – das ungesühnte Massaker von Sant´Anna di Stazzema’ hinzu. Dort geht es um das nordtoskanische Bergdorf Sant’Anna di Stazzema – hier wurden im Sommer 1944 rund 560 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, von Einheiten der Waffen-SS teils unvorstellbar grausam umgebracht.

Im Juli 2017 haben wir erstmalig eine Gedenkstättenfahrt mit den Teilnehmern der ,DoTour für Respekt 2016’ zum ,Untertauchermuseum’ nach Aalten in den Niederlanden veranstaltet.

Das ,Untertauchermuseum Markt 12’ erzählt die Geschichten gewöhnlicher Menschen in einer ungewöhnlichen Zeit, nämlich während des Zweiten Weltkriegs. Genau wie Markt 12 spielte der Grenzort Aalten während des Krieges eine besondere Rolle. In Aalten gab es während des Krieges die höchste Anzahl Untergetauchter in den Niederlanden. Diese Untergetauchten hielten sich auch im Haus am Markt Nummer 12 versteckt.

Markt 12 zeigt, dass Menschen immer wieder gezwungen sind, Entscheidungen zu treffen, unabhängig davon, woher sie kommen und ob sie Deutscher oder Niederländer, Christ oder Jude sind.

Auch im Juli 2018 werden wir mit den Schülern zum „Untertauchermuseum Markt 12“ nach Aalten fahren, weil sie dort noch mehr verstehen werden, welches Leid der Nationalsozialismus den Menschen gebracht hat, aber auch, dass es mutige Menschen gab, die den Verfolgten halfen zu überleben.

Im November hatten wir das große Glück, einen Zeitzeugen bei uns begrüßen zu dürfen. Der Holocaustüberlebende Bert Woudstra aus den Niederlanden erzählte den Teilnehmern der diesjährigen ,DoTour für Respekt’ von seiner fünfjährigen Flucht vor den Nazis.

Bert Woudstra wurde am 19. Februar 1932 als Sohn jüdischer Eltern in Enschede geboren. Der heute 85-Jährige überlebte den Krieg nur, weil er mit seiner Mutter und seinem Bruder untertauchen konnte. Seinem Bruder gelang die Flucht nach England. Sein Vater wurde ermordet. Am 14.9.1941 sah er ihn zum letzten Mal. Dreizehn Mal musste der heute 85-Jährige als Sohn einer Deutschen und eines Niederländers zwischen 1940 und 1945 sein Versteck wechseln. Einmal hatte ein Gestapo-Mann während eines Zahnarzt-Besuchs von einer bevorstehenden Razzia geplaudert, woraufhin der Arzt den neunjährigen Bert gerade noch rechtzeitig warnen konnte.

In einer anderen Situation verlangte ein anonymer Erpresser 10.000 Gulden von Berts Mutter, andernfalls würde er das Versteck verraten.

Auch musste Bert Woudstra zehn Tage im Wald leben, bevor er bei einem alten Fischer unterkam. Dort trug er als Großstadtjunge aus Enschede zum ersten Mal in seinem Leben Holzschuhe und färbte seine schwarzen Haare blond. Bert Woudstra erzählte sehr eindrücklich von seinen Erfahrungen und Erlebnissen im Versteck und schlug auch einen Bogen in die heutige Zeit. Woudstra war es wichtig, den Schüler zu vermitteln, was Diskriminierung anrichtet und dass Rassismus erlernt wird – da niemand damit geboren wird.“

Der Vortrag von Bert Woudstra war eine Kooperationsveranstaltung von: Jugendring Dortmund – Arbeitsstelle „Zukunft braucht Erinnerung”, dem Jugend- und Freizeitzentrum Aplerbeck, der Emscherschule Aplerbeck und dem Gymnasium an der Schweizer Allee (GadSA).

Umfrage zum Geschichtsunterricht:

Vier von zehn Schülern wissen nicht, wofür Auschwitz steht. Der Geschichtsunterricht in Deutschland ist offenbar nicht ausreichend: Schüler haben große Defizite in Geschichte. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung hervor. Demnach wissen nur 59 Prozent der befragten Schüler, dass Auschwitz-Birkenau ein Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis im Zweiten Weltkrieg war. Bei den 14- bis 16-Jährigen sind es sogar nur 47 Prozent.

Laut Sven Tetzlaff, Leiter des Bereichs Bildung der Körber-Stiftung, gibt es vor allem ein Defizit bei der Vermittlung von Geschichtswissen: In immer weniger Bundesländern sei Geschichte ein eigenständiges Schulfach, so Tetzlaff. Der Stundenumfang für Geschichte werde immer geringer: „Diese Entwicklung muss gestoppt werden.“

In der Gesamtbevölkerung ist die Kenntnis über Auschwitz deutlich höher, allerdings nahm der Anteil zuletzt ab. Demnach war vor fünf Jahren 90 Prozent der Befragten das Vernichtungslager ein Begriff. 2017 nur noch 86 Prozent.

 

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