„Wenn Glücksspiel kein Spiel mehr ist“ – Oberarzt der LWL-Klinik Dortmund informiert

0
118

„Ob Sportwetten, Lotto, Onlinepoker oder abgedunkelte Spielhallen mit einarmigen Banditen. Wir alle kennen Glücksspiele!

Beinahe jeder hatte schon einmal Kontakt mit irgendeiner Art von „Zockerei“. Viele haben vielleicht aus Neugier ein- oder zweimal das hier im Umkreis sehr bekannte Casino besucht oder gehen gelegentlich zum Spaß mit Freunden oder Bekannten dorthin. Ich war auch mal da und habe damals 30 DM verspielt.

Den wenigsten sind jedoch die Gefahren bekannt, mit denen das Spielen um Geld einhergeht.

Viele Glücksspielabhängige unterliegen der sogenannten „kognitiven Verzerrung“. Das bedeutet, dass man sich möglicherweise für ein „Glückskind“ hält oder glaubt, die Funktionsweise von Spielautomaten durchschaut zu haben, sodass nur zum richtigen Zeitpunkt die richtige Taste gedrückt werden muss, um zu gewinnen. Dass der Spieler selbst keinen Einfluss darauf hat, Gewinne zu generieren und jeglicher Erfolg vom Zufall abhängt, wird komplett ausgeblendet.

Eine Umstrukturierung des Privatlebens ist daher in dieser Situation eine wichtige Maßnahme. Zum Beispiel geben einige Spielsüchtige die Verantwortung über ihre Finanzen an den Ehepartner, die Eltern oder die eigenen Kinder ab oder lassen sich in Spielhallen Hausverbot erteilen. So wird die Möglichkeit eines finanziellen Ruins durch hohe Verluste und Spielschulden minimiert.

Aber auch ein durchaus möglicher hoher Gewinn kann bei einem Glücksspielabhängigen eine psychische Krise einleiten. Vor einiger Zeit war ein junger Mann bei mir in der Behandlung, der nach einem hohen Gewinn in eine schwere depressive Episode geraten war. Die für ihn starke psychische Belastung durch die Beendigung der Spielphase und die Offenbarung des Spielrückfalls gegenüber dem Lebenspartner hatten zu einer psychischen Dekompensation geführt, welche letztlich eine stationäre psychiatrische Behandlung erforderlich machte.

Jeder Mensch, der Glücksspiel betreibt, setzt sich gewissermaßen der Gefahr aus, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Zwar wirken die offiziellen Zahlen Glücksspielabhängiger auf die Gesamtzahl der Bevölkerung eher gering, jedoch sollte man die durchaus große Zahl derjenigen nicht vernachlässigen, die trotz eines pathologischen Spielens keine spezifische Behandlung erfahren.

Die Dunkelziffer Glücksspielabhängiger ist nach aktueller Kenntnis daher hoch. Hinzu kommt, dass es einen hohen Anteil an Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) gibt. Dazu zählen etwa Depressionen oder stoffgebundene Süchte, wie eine Alkoholabhängigkeit oder eine Abhängigkeit von Aufputschmitteln.

Glücksspielabhängigkeit ist eine anerkannte psychische Erkrankung und kann das Leben Betroffener und ihrer Familien zerstören. Glücksspielabhängige haben somit ein Anrecht auf eine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung. Auch besteht die Möglichkeit rehabilitativer Maßnahmen, um zum Beispiel eine Wiedereingliederung in das Arbeitsleben zu erreichen.“

Arne Lueg, Psychiater
Oberarzt Suchtmedizin
LWL-Klinik Dortmund

guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments