Interview mit Journalist und Buchautor Gregor Schnittker

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Gregor Schnittker mit Freund und Autorenkollege Ulrich Hesse

Vielen Fernsehzuschauern wird Gregor Schnittker aus der abendlichen WDR-Sendung „Lokalzeit Dortmund“ bekannt sein. Weiterhin arbeitete der Journalist und Moderator im Projektteam des Films „Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB“ mit. Gemeinsam mit Freund und Kollege Ulrich Hesse ist er Autor des Buches „Unser ganzes Leben – die Fans des BVB“. Sein erstes Buch hat Gregor Schnittker in 2012 unter dem Titel „Revierderby“ veröffentlicht, welches sich mit der Rivalität zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 befasst.

Dass Gregor Schnittker ein BVB- und Fußballkenner ist, stellte er u. a. in „Anpfiff“ Nr. 2 unter Beweis. In allen drei Punkten, bei denen Gregor Schnittker um eine Prognose für die Rückrunde gebeten wurde, lag er richtig: der BVB hatte mit dem Abstieg nichts zu tun, landete zum Schluss der Saison auf Rang „7“ und auch der von ihm vorhergesagte Derbysieg des BVB trat mit einem deutlichen 3:0-Sieg ein. Für die „Anpfiff“-Redaktion Anlässe genug, mit Gregor Schnittker ein Interview über seine Beziehung zum BVB, seine Ansichten zum Fußball allgemein und über verschiedene andere Themen zu führen.

Redaktion: Beginnen wir unser Gespräch mit einem Gerücht: Als dein Buch „Revierderby“ erschien, wurde z. T. behauptet, dass du als Fußballfan eigentlich mehr zu Schalke tendieren würdest. In Anbetracht deiner Arbeiten für das Buch „Unser ganzes Leben – Die Fans des BVB“ und den Film „Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB“ kann man sich das eigentlich nur schwer vorstellen. Kannst du dazu etwas sagen?

Gregor Schnittker: Das ist für mich schon ein interessanter Aspekt. Fakt ist: während ich das Buch „Revierderby“ geschrieben und dafür recherchiert habe, habe ich nicht im ganzen Ruhrgebiet erzählt, dass ich ein Schwarzgelber bin. Aber ich habe, wenn man mich direkt gefragt hat, auch gegenüber den eingefleischtesten Königsblauen immer gesagt: „Du hast völlig recht, ich bin eine Zecke und ich bin auch gerne eine Zecke!“. „Zecke“ ist ja die Bezeichnung der Schalker für uns BVB-Fans. Aber ich habe da grundsätzlich nicht dieses Prinzip der Ablehnung gegenüber den Schalke-Fans, nur weil sie eben einen anderen Club mögen. Viele Schalker waren auch durchaus sehr angetan, dass ich als Schwarzgelber in der Lage war, mich in ihre blaue Hemisphäre hineinzudenken. Ich habe während meiner Arbeiten an dem Revierderby-Buch sogar gewisse Sympathien für den Club aus Gelsenkirchen entwickelt. Durch meine Recherchen ist mir erst richtig klar geworden, wie ähnlich sich die Clubs sind, was Tradition, Leidenschaft und die Identifikation der Fans mit ihrem Verein angeht. Ich finde es ganz wichtig, dass Traditionsclubs wie der BVB und Schalke in ihrer Wertigkeit erkannt werden. Denn der Fußball ist insgesamt auf einer Reise, die für Romantiker keine allzu schöne Zukunft verspricht. Aber um das ganz klar zu sagen, ich bin de facto jemand, der am Derbytag nicht unbedingt mit Blauen reden möchte, weil ich da eben schwarzgelb gepolt bin. Aber außerhalb des Derbys unterhalte ich mich lieber mit einem Fan von Schalke 04 als mit jemandem, der mir bizarrerweise erzählt, was der VFL Wolfsburg für ein genialer Verein ist, oder was das für eine große Chance für den deutschen Fußball ist, dass Ingolstadt jetzt in der ersten Liga spielt.

Redaktion: Haben die Arbeiten an den BVB-Büchern deine Sichtweise zum BVB oder zum Fußball allgemein eigentlich verändert?

Gregor Schnittker: Also, sagen wir es so: die Bücher haben meine Biografie verändert, weil ich es mir vorher nicht zugetraut hätte, erstens, das handwerklich zu können und zweitens, den Leser in seinem Interesse abzuholen. Man kann sich ja viele Projekte überlegen und viele Visionen haben, es dann aber letztendlich zu realisieren und zu sehen „ sieh mal an, ich kann das“, war für mich biografisch sehr gut. Meine Beziehung zu Borussia Dortmund hat sich insofern verändert, dass ich auch noch mehr darüber nachgedacht habe, warum ich jetzt ausgerechnet diesen Verein mag. Das hat natürlich auch mit Zufälligkeit zu tun.
Mein Vater ist durch und durch VFL Bochum-Fan und hat mich immer mit in das Stadion an der Castroper Straße mitgenommen. Ich war auch in jungen Jahren bei Westfalia Herne oder bei Schalke 04. Aber – obwohl ich diese Besuche oft toll fand – ist der Funke einfach nicht übergesprungen. Und als unser Nachbar sagte, „jetzt geht der Junge mal in ein vernünftiges Stadion“, da hielt der Wort. Dieses Viereck da, das Fluidum, die Atmosphäre in Dortmund – das alles hat mich gepackt. Und da habe ich nicht nur Mitte der 70er Jahre damit begonnen, gelbe T-Shirts anzumalen, da habe ich gemerkt, das ist wirklich noch einmal etwas ganz anderes, ein anderes Niveau, eine andere Ebene. Darüber bin ich mir im Rahmen der Arbeiten für die Bücher bewusst geworden. Dass Vereinsliebe und „Fan sein“ eine Zufälligkeit hat, aber auch etwas Gesundes, weil man merkt, dass da über Jahre hinweg so eine Liebe und Leidenschaft für den Verein gewachsen ist.

Redaktion: Du bist gebürtiger Bochumer, gibt es da nicht auch noch Sympathien für den VFL?

Gregor Schnittker: Ja klar. Noch heute schaue ich bei der zweiten Liga zuerst, wie der VFL gespielt hat. Und natürlich auch, weil ich will, dass mein alter Herr glücklich ist. Ich mag halt einfach das Ruhrstadion. Ich mag die ganze Anreise nach Bochum. Die Castroper Straße, ich mag die Ostkurve, ich mag das Bochumer Bier, obwohl es etwas bitterer ist. Also, mir ist in Bochum vieles sehr sympathisch. Ich bin in Bochum geboren und in Bochum fast gestorben, weil ich vor einiger Zeit sehr krank gewesen bin. In Bochum konnte ich dann erfolgreich behandelt werden. Insofern habe ich mit Bochum sehr viel zu tun und meine Eltern sind gebürtig aus Bochum. Nur der Fußballverein, da entwickelte sich keine Liebe, aber eben eine sehr gute Bekanntschaft.

Redaktion: Bei deinen Recherchen zu Büchern und Filmen haben sich ja auch Kontakte z. B. zu Fans, Spielern oder Ex-Spielern entwickelt. Sind da auch Kontakte dabei, die du heute noch pflegst, bzw. sind dadurch vielleicht sogar neue Freundschaften/Bekanntschaften entstanden?

Gregor Schnittker: Ja, auf jeden Fall! Also, die intensivsten Kontakte, die ja zum Teil dann auch wirklich Freundschaften wurden, habe ich zu Fans entwickeln können. Das gilt für unsere BVB-Fanszene, aber auch für die Fanszene von Schalke 04. Da habe ich in beiden Lagern viele Leute kennengelernt, die mir sehr sympathisch sind, mit denen ich gerne Umgang habe. Und ich hoffe auch die mit mir. Auf der Ebene der Spieler ist das weniger der Fall. Oft haben die Spieler – auch nach ihrer aktiven Karriere – so einen gewissen Habitus der Unnahbarkeit, wenn ein Journalist kommt. Damit habe ich aber auch kein Problem. Zu Ente Lippens und Hans Tilkowsi hat sich dagegen im Laufe der Jahre ein enges und sehr gutes Verhältnis entwickelt.

Redaktion: Denken wir einmal an deine Beziehung zum BVB-Fan „Erbse“. (Anmerkung der Redaktion: BVB-Fan Peter Erdmann, genannt „Erbse“, erfand den „BVB-Walzer“ und hatte Dortmund für mehrere Jahre verlassen. Nach umfangreichen Recherchen spürte ihn Gregor Schnittker in der Nähe von Frankfurt wieder auf). Siehst du das nicht auch als einen Höhepunkt in eurem Buch „Unser ganzes Leben“ an? Besteht zwischen dir und „Erbse“ auch heute noch Kontakt?

Gregor Schnittker: Ich weiß nicht, ob das ein Höhepunkt im Buch ist. Aber es ist auf jeden Fall ein Buch im Buch, sozusagen. Die Suche nach „Erbse“ ist in der Tat eine Geschichte für sich. Und ich muss da etwas weiter ausholen. Im Leben von „Erbse“ hat es ja eine ganze Reihe von Hochs und Tiefs gegeben. Und in der Zeit als ich „Erbse“ gesucht habe, war ich – aufgrund eines eigenen gesundheitlichen Tiefs – überhaupt nur in der Lage, ihn zu suchen. Ich war an Lymphdrüsenkrebs erkrankt und hatte damals einfach die Zeit, mich intensiv mit der Suche nach „Erbse“ zu beschäftigen. Ich war aber froh, mich diesem Thema ausführlich widmen zu können, denn es macht ja Freude, wenn dich in einer solchen Phase im Alltag etwas ablenkt. So war die Suche nach Erbse auch irgendwie die Suche nach einem gesundheitlichen Vorankommen. Als ich ihn dann gefunden hatte, war tatsächlich gleichzeitig meine Therapie erfolgreich zu Ende. Das war insofern ein intensiver Lebensabschnitt für mich mit einer großen „Erbse ist wieder da“-Party im BORUSSEUM. Ja, wir haben natürlich immer noch Kontakt. Allerdings fehlt mir durch Beruf und Familie oft die Zeit, mich noch häufiger mit „Erbse“ zu treffen. Wir haben uns zuletzt in Berlin beim Pokalfinale getroffen und da gab es jede Menge zu erzählen.
Aber wenn wir über das Buch „Unser ganzes Leben“ und über Freundschaften sprechen, dann muss ich den Ball zu Uli Hesse rüber spielen. Er hatte die Idee zu diesem Buch und es ist großartig von ihm gewesen, mich mit ins Boot zu holen. Er war der Kapitän und es war trotzdem eine gleichberechtigte Zusammenarbeit. Es war eine große Freude mit ihm zusammenzuarbeiten und das Buch ist unser gemeinsames Werk.

Redaktion: Bei den Arbeiten zum Film „Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB“ bist du mit Deinen Kollegen ja in eine völlig andere Fußballwelt eingetaucht. Begriffe wie „Merchandising“, „Strategische Investoren“ usw. waren noch gänzlich unbekannt. Siehst du Gefahren in der immer weiter fortschreitenden Kommerzialisierung beim Fußball?

Gregor Schnittker: Da muss ich zunächst einmal über das Wort „Gefahr“ nachdenken. Also, ich sehe schon eine ungute Entwicklung, insofern, als dass Fußball immer mehr zur Spielfläche für Marketingstrategen wird. Im Grunde muss man großen Respekt haben für die Arbeit, die in Leipzig geleistet wird. Man darf sich freuen für Sachsen, dass Leipzig – also wirklich einer der größten Traditionsorte im deutschen Fußball – hochklassigen Fußball bekommt. Aber wenn ich mir überlege, dass mit Red Bull jemand den Fußball benutzt, um seine Brause zu verkaufen, und sich eben nicht ein Fußballverein freut, dass er einen starken Partner findet, dann ist es genau dieser Winkelzug, der mir zu denken gibt. Ich habe überhaupt kein Problem mit starken Sponsoren und Marketingaktionen, warum sollte ich auch? Aber in der Welt, in der wir uns befinden bzw. auf die wir zusteuern, haben die Großkonzerne immer mehr Einfluss und schieben sich Spieler gegenseitig zu. Zumindest von Österreich nach Leipzig ist das ja mehrfach belegt. Und diese Entwicklung ist einfach schade. Witzig ist, dass mein kleiner Sohn Julius mich manchmal fragt, „Papa, ist das ein Plastikclub oder kann ich den gut finden?“ Man darf natürlich auch nicht die Augen davor verschließen, dass wir als Borussen mit der KGaA die Büchse der Pandora ein Stück weit mit geöffnet haben. Insofern haben wir ja den Fußball, den wir heute haben und kritisieren, auch befeuert. Und das eben mit Ausgaben, die sich nicht darstellen ließen. Da muss man auch aufpassen und demütig bleiben als Borusse und nicht nur auf andere zeigen. Trotzdem ist mir ein Verein wie der Karlsruher SC sympathischer als z. B. Hoffenheim. Einfach, weil Hoffenheim ein Club ist, der künstlich hochgepowert wurde. Nun hat er sich etabliert und das ist vielleicht im Kraichgau auch sehr schön für die Leute. Aber ich komme nicht zu dem Punkt zu sagen „vor einem solchen Club habe ich genauso viel Respekt“. Das kann ich nicht sagen, da kann ich nicht über meinen Schatten springen. Ich vermisse so Vereine wie Kaiserslautern, St. Pauli oder so einen alten Traditionsverein wie 1860 München. Die haben natürlich auch oft schlecht gewirtschaftet. Auch Dynamo Dresden ist ein Verein, der in die erste Liga gehört. Da sind an vielen Stellschrauben häufig offenbar falsche Entscheidungen getroffen worden.

Redaktion: Bist du regelmäßig im Dortmunder Stadion, wenn es dein Zeitplan erlaubt?
Besitzt du eine Dauerkarte?
Gregor Schnittker: Ja! Ich habe eine Dauerkarte seit 1988. Die habe ich auch nie abgegeben, sondern habe immer zugesehen, nach Möglichkeit kein Spiel zu versäumen. Natürlich hat es auch Spieltage gegeben, wo man sich als junger Mann, im Hinblick auf die Kontakte zur Frauenwelt, gesagt hat „der Tag und der Abend könnten auch schön werden, wenn man heute einmal nicht zum Fußball geht“, aber das waren dann schon Sonderfälle. Fußball hatte gegen Ende der 80er Jahre ja nicht immer das allerbeste Image. Die Katastrophe im Heysel Stadion in 1985 war erst wenige Jahre her, und das Gerede vom „Proletensport“ mit Schlägereien vor und nach den Spielen war populär. Eines meiner frühesten Erlebnisse hatte ich mit elf Jahren. Der vorhin erwähnte Nachbar, der mich so heiß auf Borussia Dortmund gemacht hatte, konnte mich nicht mit ins Stadion nehmen. Ich war zu Hause, habe gelitten und wollte aber unbedingt zum BVB. Ich bin dann bei strömendem Regen, ohne Wissen meiner Eltern, mit dem Fahrrad von Dortmund-Persebeck über Menglinghausen und Barop zum Stadion gefahren. Im Stadion machte man seinerzeit zur Halbzeitpause die Türen auf und das wusste ich. Pitschnass bin ich dann zur zweiten Halbzeit direkt auf die Südtribüne gegangen und habe dann ein herausragendes Spiel gegen den HSV gesehen. Von den anderen Zuschauern auf der Süd wurde ich teilweise etwas komisch angeschaut, so nach dem Motto „was macht der Kleine denn hier?“. Andere haben auch spöttische Bemerkungen gemacht. Aber das war mir egal, ich habe mich, obwohl immer noch tropfnass, absolut wohlgefühlt. Meine Eltern haben meinen Alleingang dann herausbekommen und waren so „halb böse“. Denn die fanden das ja auch spannend, dass ich mir das zugetraut hatte. Meine Mutter wunderte sich insbesondere über diesen Magnetismus, den dieses Stadion offenbar auf mich ausüben musste. Dieses Erlebnis ist aber im Grunde bezeichnend für meine Stadionbesuche. Wenn es nur so eben geht, dann gehe ich auch hin. Ich habe in meinem Leben auch schon ein paar familiär unpopuläre Entscheidungen getroffen für den Fußball. Dazu gehören Klassiker wie Urlaub abkürzen, später antreten oder Urlaub kurz unterbrechen oder später auf die Hochzeit oder den Geburtstag. Das alles, um bloß kein Spiel im Stadion zu versäumen.

Redaktion: Wie muss man sich den Fan Gregor Schnittker vorstellen, wenn er im Stadion ein Spiel schaut. Schaust du Ddr das gemeinsam mit Bekannten an oder bist du mehr der Einzelgucker? Gibt es da vor und nach dem Spiel feste Gewohnheiten?

Gregor Schnittker: Nein, das ist immer der gleiche Ablauf. Wir Westfalen brauchen ja Rituale (lacht). Der Zeitplan ist ziemlich fest: 14:30h aufs Fahrrad, 15:00h Fahrradparkplatz und sich dann ärgern über diese blödsinnige Rampe, die dort vor der Helmbude gebaut wurde. Durch den Nordwest-Eingang trotzdem irgendwie ins Stadion, durchmarschieren, Pils holen und sich mit den Freunden und Bekannten in der Südwest-Ecke treffen. Dann den Platz einnehmen und konzentriert das Spiel schauen. Nach dem Spiel geht es dann in meine Kreuzviertelkneipe zur glasklaren (lacht) Analyse. Meine Frau hat dann auch nicht mehr den Anspruch, dass ich – wenn ich nach Hause komme – noch den Rasen mähe. Sie weiß, dass das mein Tag ist und sie hat mich auch nie anders erlebt. Sie nimmt das locker und mit Humor. Ich kenne aber übrigens genug Ehen, wo das auch schon einmal etwas anders gesehen wird.

Redaktion: Beim diesjährigen Pokalendspiel in Berlin sind einige BVB-Anhänger durch Pyro und Rauchbomben negativ aufgefallen. Wie beurteilst du diese Aktionen? Gibt es da eine Trennung zwischen Journalist und Privatmann?

Gregor Schnittker: Beim Pokalfinale 2012 gab es ja auch schon reichlich Pyro der BVB-Fans, insofern kam das nicht überraschend. Ich selbst fände es aber besser, andere Merkmale der Begeisterung zu zeigen als Fackeln und Rauch. Ich fand diese relativ einfache Choreographie in der Wolfsburg-Kurve durchaus sehenswert. Vor allem wird es gefährlich, wenn Pyrotechnik nicht korrekt abgebrannt wird. Ganz schlimm finde ich, dass unter Planen das Zündeln vorbereitet wird, um nicht erkannt zu werden bzw. sich zu tarnen. Pyro ist inzwischen von den Vereinen, dem DFB und der DFL so geächtet, dass solche Manöver notwendig sind. Oder Sturmhauben in der Kurve. Wahnsinn. Es gab ja mal eine Zeit, da wurde diskutiert, ob die Vereine nicht ein Abbrennen in kontrollierten Zonen ermöglichen sollen. Das hielt ich für einen brauchbaren Vorschlag. Dann wurde das vom DFB abrupt wieder abgebrochen und deshalb ist das Zünden von Pyrotechnik heute mehr denn je eine Art Rebellion der meist jüngeren Fans gegen „die da oben“. Ich bin da ein wenig gespalten. Einerseits habe ich Verständnis für Rebellion von Heranwachsenden, wir waren ja auch nicht immer lammfromm, andererseits weiß ich, wie sehr einem der Rauch körperlich an die Nieren geht. Wie bescheuert ich Leuchtspurmunition oder Böller im Stadion finde, muss ich da wohl gar nicht erwähnen. Also, ich möchte Pyrotechnik nicht grundsätzlich verteufeln, aber ich persönlich brauche sie nicht.

Redaktion: Du arbeitest auch häufiger mit dem Borusseum und der BVB Fanabteilung zusammen. Worum geht es da? Übernimmst du dort Aufgaben als Moderator?

Gregor Schnittker: Ja! Auf einer ganz pragmatischen Ebene bin ich für das Borusseum Dienstleister und mache die Moderation zu bestimmten Themen. Das mache ich sehr gerne im Sinne der Traditionspflege. Ich halte das Borusseum für eine ganz wichtige schwarzgelbe Facette und wundere mich, dass da nicht noch mehr Etat zur Verfügung steht, um beispielsweise eine historische Redaktion anzudocken, die permanent weiterforscht, Kontakte pflegt, Projekte entwickelt und Erinnerungsstücke sammelt. Die Verantwortlichen haben insofern aktuell eine extrem schwere Arbeit zu leisten. Zusätzlich habe ich übrigens auch an dem audio guide mitgearbeitet. Den gibt es am Eingang und man bekommt zu den verschiedenen Stationen erklärt, was man hier gerade sieht. Anders ist es, wenn mich die Fanabteilung um Moderationstätigkeit bittet. Das passiert nicht so oft, ist dann aber auch kein Job, um Geld zu verdienen.

Redaktion: Der BVB steht vor einer neuen Saison, mit einem neuen Trainer. Wie schätzt Du die Entwicklung ein?

Was die sportliche Entwicklung beim BVB angeht, sehe ich das recht optimistisch. Wenn ich an Thomas Tuchel denke, dann denke ich zu 99% an jemanden, den ich kompetent finde. Ein wenig Unsicherheit gibt es ja bei der Frage, ob er zu seinen Mainzer Tagen – trotz mehrerer Dementi – nicht doch mit Schalke 04 verhandelt hat. Das wurde zumindest gerüchteweise so publiziert. Ich glaube aber – und das sind die 99% – dass er ein aufrichtiger, geerdeter Mensch ist, der gute Prinzipien vertritt. Ich weiß, dass er viel Wert darauf legt, wie man im Team und nach außen hin miteinander umgeht. Dass man sich eben in die Augen schaut, wenn man miteinander redet. Dass es Situationen gibt, wo man Handys einfach mal ausmachen muss, dass man einen Kopfhörer auch mal abnehmen kann, um zu reden. Ich habe ihn selber schon 2-3 Mal in seiner Mainzer Zeit interviewt. Da wurde mir sehr gut klar, dass er dem Reporter bzw. Interviewer keine Statements schenkt. Man muss sich die Statements präzise erfragen und jede Frage genau auf den Punkt hin formulieren. Das war auch bei Jürgen Klopp so, aber es gab bei Klopp eben auch sehr viel Professionalität. Der wusste, was Medien brauchen und hat dann losgeplaudert. Man war immer sehr dankbar für seine Statements, weil sie rhetorisch gut vorgetragen waren und weil man sie natürlich auch optimal im Schnittraum für einen Bericht verwenden konnte. Thomas Tuchel erwartet, ähnlich zu Klopp, auch bei Journalisten eine hohe Expertise und insofern sehe ich ihn schon als einen sehr intelligenten Trainer. Wir sollen ihn ja aber nicht mit Jürgen Klopp vergleichen, obwohl ich das zugegebenermaßen gerade getan habe (lacht).

Redaktion: Als Moderator muss man ja – insbesondere bei Sportthemen – Neutralität bewahren. Fällt dir das manchmal schwer?

Gregor Schnittker: Auf der Pressetribüne habe ich noch nie gejubelt. Natürlich registriert man freudig, dass man beispielsweise 3:0 gewonnen hat, oder dass Perisic seinerzeit das 1:1 gegen Arsenal geschossen hat. Ich merke, meine Reflexe stimmen auch da, aber ich zeige es nicht. Auf einer Pressetribüne bin ich in meiner Rolle als Journalist so konzentriert und auch wirklich so aufmerksam, die Dinge völlig neutral zu sehen, dass da groß keine Emotionen stattfinden. Es gab allerdings ein Spiel, da war das anders. Als wir im Pokalendspiel gegen die Bayern 5:2 gewonnen hatten, habe ich aus der Pressetribüne einen richtigen BVB-Stimmungsblock gemacht. Ich hatte vor dem Spiel meine Schalte gemacht, hatte danach frei und mit großem Glück eine Akkreditierung für die Pressetribüne bekommen. Unter mir saß jemand von SKY und ein paar Leute vom bayerischen Rundfunk. Die schauten alle ziemlich pikiert, weil ich so viel Spaß hatte bei den fünf BVB-Toren. Und das dann alles auf der Pressetribüne, eigentlich ein absolutes No-Go (lacht). Aber dann fällt natürlich der berufliche Stress ab und dann schaust Du auch auf der Pressetribüne, wo es übrigens keinen Alkohol gibt, Fußball wie jeder andere Zuschauer und wie es sich als Fan gehört. Ich war zu dem Zeitpunkt gesundheitlich wieder fit, das Fanbuch war so gut wie fertiggestellt und der BVB war Pokalsieger. Das war für mich maximale Lebensfreude und ausnahmsweise habe ich eben auch auf der Pressetribüne Emotionen gezeigt.

Redaktion: Noch einige Worte zu deinem privaten und beruflichem Leben. Wie war dein beruflicher Werdegang? Du bist verheiratet? Du hast Kinder?

Gregor Schnittker: Ich habe 4 Kinder, so dass uns zu Hause auf keinen Fall langweilig wird. Dabei spielen Handball, Fußball und Pferde die Hauptrolle und eine große Tafel mit allen anstehenden Wochenterminen. Von der beruflichen Ausbildung her bin ich Lehrer mit zweitem Staatsexamen für Körper- und Geistigbehinderten-Pädagogik. Dann war aber Ende der 90er der Bedarf an Sonderschullehrern abgedeckt. Ich hätte zwar in Ostdeutschland arbeiten können, wo es noch Potential gab, aber das wollte ich nicht. Ich war ja schon Vater und wollte gerne im Ruhrgebiet bleiben. Seit 1999 bin ich dann fürs ZDF tätig. Danach bin ich lange Jahre immer nach Berlin gependelt, wochenweise. Der Lebensmittelpunkt war fast schon dort, als ich mir klar wurde „pass auf, das ist eine ungute Entwicklung, Berlin ist keine Fußballstadt.“ Ich bin dann wieder komplett zurück ins Ruhrgebiet und arbeite seitdem auch für den WDR, aber nach wie vor auch fürs ZDF.

Redaktion: Vielen Dank für dieses sehr interessante Interview und alles Gute für die Zukunft.